Vera Klischan nahm unserer Reise vom 9. bis 19. März 2025 nach Mua/Malawi teil. Sie ist ehemalige Schuldirektorin aus Hamburg. In ihrer Funktion als Beauftragte ihres Rotary Clubs Hamburg Harvestehude wollte sie den Ablauf und die spätere Verwendung der beantragten Global Grant Mittel mit der Direktion der Tiyende Pamodzi Secondary School for Girls in Mganja abstimmen. Zudem ergab es sich, dass sie ein höchst geschätzes Mitglied des schwedischen Interplast-Chirurgie-Teams wurde. Ihr Bericht spricht uns aus der Seele!
Mit Streik am Hamburger Flughafen fing meine Reise nach Malawi an. Statt Lufthansa Deutsche Bahn nach Frankfurt – und das übervoll. Na klar, wir waren nicht die einzigen Streikgeschädigten. Pünktlich ging es am Abend mit Ethiopian Airlines nach Addis Abeba. Nach einer mehr oder weniger durchwachten Nacht an Bord schlich ich mit meiner Freundin Cäcilie und dem schwedischen Ärzteteam am frühen Morgen durch den quirligen afrikanischen Flughafen. Ich fliege für ein Schulprojekt nach Malawi und habe mich den sechs schwedischen Ärzten und Ärztinnen angeschlossen.
Von Addis ging es Richtung Malawi, leider nicht direkt, sondern mit Zwischenlandung in Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo. Mitten im Busch setzte das Flugzeug auf, um sich einer großen Ladung Chinesen zu entledigen. Wir Weitereisenden blieben an Bord und konnten kurze Zeit später ein ähnliches Volumen neuer Chinesen zur Weiterreise begrüßen.
Nach 24-stündiger Reise erreichten wir endlich unser Ziel Lilongwe, die Hauptstadt von Malawi. Unser Ziel war das Krankenhaus Mua, das wirklich nichts mit einem deutschen Krankenhaus zu tun hat. Das Ärzteteam will dort eine Woche lang operieren und Zähne richten und behandeln. Schon in der Vergangenheit wurde vielen Kindern mit deformierten Gliedmaßen und Gaumenspalten eine neue Lebensqualität geschenkt.
Wir starteten in zwei Autos Richtung Mua Mission Hospital, ein Krankenhaus auf dem Land nur umgeben von armseligsten Dörfern. Zunächst ging es noch im subtropischen Sonnenschein über die quirlige afrikanische Durchgangsstraße. Kein Mittelstreifen, keine Befestigung am Fahrbahnrand und auch keine Beleuchtung, wie wir später feststellten. Noch war die Stimmung gut. Mit einsetzender Dunkelheit stieg die Spannung im Wagen. Alle schauten gebannt auf die dunkle Straße voller Fußgänger, Motorräder, Fahrräder und Riesenlastern, die gern mal auf die Gegenfahrbahn auswichen. Immer wieder kamen uns bedrohlich schnell Scheinwerfer auf unserer Fahrbahn entgegen, um im letzten Moment in einem messerscharfen Manöver auszuweichen. Unsere Stoßgebete standen stumm im Raum bis wir endlich unser Hospital erreichten.
Tag 3 in Malawi – 12.3. 2025
Ich habe einen ersten Eindruck vom Leid der Menschen hier. Getragen von Hoffnung auf Heilung oder Linderung kommen sie oft von sehr weit her ins Krankenhaus. Dort sitzen sie geduldig viele Stunden lang bis sie endlich an der Reihe sind. Niemand klagt. Das harte Leben hat sie anspruchslos gemacht.
Die schwedischen Ärzte operieren am Fließband. Schwerste Verbrennungen, Lippen- und Gaumenspalten und Tumore sind die häufigsten Leiden, die die Menschen oft seit Jahren quälen. Ein Arzt ist unbezahlbarer Luxus für die meisten Menschen in Malawi.
Ich habe den Dienst im Aufwachraum übernommen. Es ist mir ein großes Bedürfnis, die Ärzte, die mit ihrem beispiellosen Einsatz, neue Lebensqualität schenken, zu unterstützen. Wenn ich die tief schlafenden Menschen betrachte, kommt unwillkürlich der Gedanke an Zukunft auf. Haben sie eine im drittärmsten Land auf dem ärmsten Kontinent der Welt? Sie kommen oft in ärmlichster Bekleidung, die wenigen Habseligkeiten in einer Plastiktüte. Beschämt steht mir unser Wohlstand vor Augen. Worüber beschweren wir uns? Vielen blutjungen Müttern steht das harte Leben ins Gesicht geschrieben. Wie erloschen sitzen manche neben ihren operierten Kindern.
So wenigen Menschen wird geholfen, aber wie viele müssen ohne Hilfe leben oder sterben. Lohnt sich das denn überhaupt? Die schwedische Ärztin Gie sagte einen unglaublich schönen Satz: “Es ist nur ein Tropfen im großen Meer, aber für den einzelnen ist es das ganze Meer.“ Ja, es ist das ganze Meer, wenn dem Baby nicht mehr die Milch aus dem Mund fließt wegen einer Lippenspalte oder wenn eine alte Frau plötzlich wieder selbständig gehen kann. Das war heute so deutlich.
Ich bewundere die schwedischen Ärzte zutiefst. Sie stehen den ganzen Tag im OP und behandeln die Ärmsten der Armen – ohne einen Pfennig Geld. Als ich endlich um 19.30 Uhr meine Schicht beendet hatte und zu meiner Lodge wollte, war mein Fahrer weg. Nun stand ich da in tiefschwarzer afrikanischer Nacht. Der Weg ist nicht weit, nur 10 Minuten. Im Hellen kein Problem, aber im Dunkeln keinesfalls zu machen. Ein Wachmann hat sich schließlich erbarmt und mich durch den stockdunklen Busch mit einer Taschenlampe geführt.
Tag 4 in Malawi 13.3. 2025
Heute habe ich wieder den ganzen Tag im Krankenhaus verbracht. Der Aufwachraum ist mein Arbeitsfeld. Es gibt keine Maschinen oder Geräte zur Überwachung der Körperfunktionen, nur meinen aufmerksamen Blick. Die Patienten werden in ihrer Kleidung operiert. OP-Hemden – nicht dran zu denken. Zum Aufwachen liegen sie auf nicht mehr ganz sauberen Decken. Unser deutscher Hygienestandard ist Lichtjahre entfernt. Viele sind HIV positiv, auch viele Kinder. Die Schlange der Patienten, die geduldigst auf harten Steinstufen ausharrt, wird immer länger. Es hat sich in den Dörfern herumgesprochen, dass im Krankenhaus „swedish doctors“ sind. Der Glaube in ihre Fähigkeiten ist unbegrenzt, getragen von der Hoffnung auf weniger Schmerzen, weniger Einschränkungen und ein längeres Leben. Schwerste Verbrennungen bei Kindern waren heute besonders häufig. Da die Dörfer ohne Strom und Gas auskommen müssen, kochen die Frauen auf dem Boden mit Holzkohle. Wie schnell fasst ein kleines Kind ins Feuer oder bemächtigt sich eines kochend heißen Suppentopfes? Meine Phantasie reichte nicht für ein solch archaisches Leben aus. Jetzt weiß ich es und bin mir auch bitter der Konsequenzen bewusst. Wie beglückend ist daher ein von Falten zerfurchter Großvater, der vor Freude weint, als seine kleine Enkelin durch die Operation wieder funktionsfähige Finger bekommt. „Angel“ sind wir für ihn. Aus seiner Sicht sind wir Engel.
Voller Dankbarkeit trete ich am Abend den Weg zu meiner Lodge an – heute mit Fahrer. Dankbar für diese Erfahrung, dankbar für Menschen, die ihren Urlaub damit verbringen, zehn Stunden am Tag zu operieren, dankbar dafür Zeugin zu sein, wie sehr die Taten der „swedish doctors“ ein Leben verändern. Aber auch dankbar für alles, was mein Leben ausmacht ohne diesen täglichen Kampf der Menschen hier in größter Armut.
Später liege ich in meinem Häuschen unter dem Moskitonetz und lausche dem Sound des afrikanischen Busches. Schnarren, Pfeifen, Trillern, Fauchen – das Konzert Afrikas.












