Reisebericht Malawi Teil 4

Tag 7 in Malawi – 16.3. 2025

Cäcilie und ich erwachen früh in unserem Steinhäuschen am See. Wir setzen uns auf die Terrasse und schauen auf den See. Ab und zu fahren Fischerboote vorbei, die aus einer anderen Epoche zu stammen scheinen. Archaisch anmutende Holzboote, die mit Körperkraft bewegt werden. Auch auf dem See scheint die Zeit irgendwann stehengeblieben zu sein.

Wir verbringen den Vormittag in unserer Lodge mit Reden, Lesen, Nichtstun – Auftanken für den nächsten Tag im Krankenhaus. Mit ein wenig Zeit zum Austausch kommen wir an die Themen heran, die jeder von uns mit Sorgen im armen Malawi beobachtet. Wir reden über den großzügig ausgestatteten Nähraum in der Secondary School. Mindestens 20 Singer Nähmaschinen stehen dort in Reih und Glied und warten auf ihren Einsatz. Aber wofür? Afrika wird derart überschwemmt mit Altkleidern aus Europa, dass der Bedarf mehr als gedeckt ist. Die riesigen Rot Kreuz Ladungen, die in bester Absicht geschickt werden, bedrohen die heimische Produktion. Was soll bei diesem Überangebot an europäischen Altkleidern noch in Afrika produziert werden? Unser massenhaftes Modeangebot, unsere extrem schnelllebige Bekleidungsindustrie verleitet zu immer neuen Käufen, die dann wieder im Altkleidercontainer entsorgt werden und die Singer Maschinen in Malawi arbeitslos machen. Ein toxischer Kreislauf!

Gegen Mittag fahren wir wieder Richtung Mua. Am Nachmittag werden wir im Krankenhaus von Geoffrey erwartet, dem Hauptpfleger. Ein wunderbarer Mann mit viel Humor, hoher Fachkenntnis und einem großen Herzen für seine Patienten. Er hat uns eingeladen, die von ihm gegründete HIV-Selbsthilfegruppe zu treffen.

Von ihm geführt schlängeln wir uns durch halbhohes Gras. Den Blick oft nach unten gewandt in der Hoffnung, dass sich niemand an uns heranschlängelt. Am Ende der Regenzeit sind viele Schlangen unterwegs. Ein wunderschöner Weg, der uns wieder einmal die Schönheit der Natur in diesem Land vor Augen führt.

Unser Ziel ist ein mächtiger Baum. Unter seinen Zweigen hat sich im Kreis auf wackeligen Bänken die HIV-Selbsthilfegruppe versammelt. Etwa 30 Personen – jung und alt, Frauen und Männer. Alle strahlen uns in ihrem sehr ärmlichen Outfit an. Die Freude über unser Kommen steht jedem ins Gesicht geschrieben. Geoffrey stellt uns und die Gruppe vor. Er hat sie vor einem Jahr gegründet. HIV ist in Afrika sehr verbreitet, auch in Malawi. Mit dieser Gruppe will er die Menschen mit ihrer Krankheit sichtbar machen, sie aus ihrem Versteck holen. Mehr noch! Gemeinsam werden sie Botschafter, gehen in die Dörfer, bekennen sich zu ihrer Infektion und informieren die Menschen, wie man sich schützen kann, wie man aber auch mit der Krankheit umgeht. Geoffrey will die Krankheit ans Licht bringen, den Menschen ihre Würde zurückgeben, indem er sie nicht nur auf ihren Status des HIV positiven Menschen reduziert, sondern ihnen eine Bedeutung als Botschafter gibt. Als Botschafter, die den Menschen in ihren Dörfern vermitteln, dass Gesundheit auch in ihrer eigenen Verantwortung liegt. In der Mitte des Kreises liegt eine gespendete Wasserpumpe. Wir erfahren, dass damit ein der Gruppe gehörendes Stück Land bebaut werden soll, um mit Hilfe der Pumpe zwei Ernten im Jahr zu erreichen. Mein Bild von Afrika wird durch diese tatkräftigen, nach vorn schauenden Menschen wieder einmal gehörig auf den Kopf gestellt. Tief beeindruckt von der Gruppe, die aus ihrem Schicksal Kraft schöpft, neues Selbstbewusstsein entwickelt und Verantwortung entwickelt, treten wir den Rückweg durch die Dämmerung an. Jeder einzelne hat durch den wunderbaren Geoffrey Bedeutung bekommen. Das sind die Helden, die ich in diesem Land treffe.