Einsatz Mua Mission Hospital – 18.03.25

Nach über 20 Jahren Tätigkeit in Afrika denkt man, dass man eigentlich fast alles gesehen und/oder erlebt hat. Doch finden sich immer wieder neue Situationen, bei denen man sich fragt, wenn man sie im Fernsehen sehen würde, ob der Drehbuchautor  beim Arbeiten zu tief ins Glas geschaut oder was Illegales geraucht hat.

Dieser Einsatz war ein klassisches Beispiel dafür, dass das Leben die besten Geschichten schreibt – und das ganz ohne Hilfsmittel.

Das ArtClinic-Team war nun zum zweiten Mal in Mua, einer kleinen Stadt ca. 3,5 Autostunden nord-östlich von Lilongwe. Das etwa 60 Betten-Krankenhaus wird von der Diöszese in Dezda betrieben und beschäftigt zur Zeit eine Ärztin und 5-6 sogenannte „Clinical Officers“ verschiedener Fachrichtungen. Ein „Clinical Officer“ entspricht in etwa einem deutschen „Physician Assistant“, hat aber mehr Befugnisse. Zum Bespiel macht der gynäkologische CO eigenständig Kaiserschnitte und Hysterektomien.

Die Reise nach Mua dauert von Tür zu Tür etwa 25 Stunden. Man fühlt sich bei der Ankunft wie ein nicht mehr ganz frisches Fischstäbchen, das sich nicht auf die Pfanne, sondern auf eine Dusche freut. Dann ist es auch egal, dass es nur kaltes Wasser gibt und man sich zielgenau von Strahl zu Strahl unter dem Duschkopf bewegen muss.

 Wir waren am späten Nachmittag in Mua angekommen, staubig, müde, aber voller Elan, es sollte jetzt losgehen. Nicht nur wir waren angekommen, sondern auch eine Menschentraube, die ganz sicher gehen wollte, dass sie auch wirklich gesehen wird. Es waren jedoch deutlich weniger Patienten als im Herbst und beim Nachfragen, wie es den dazu käme, bekamen wir die Antwort dass die Patienten nun 25.000 Kwascha (etwa 12,50 €) für die Op zahlen müssen. 12,50 € ist sehr viel Geld bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von etwa 40 €. Diese Regelung war ohne unser Wissen entschieden worden und wurde mit sofortiger Wirkung nach mehrfacher Diskussion aufgehoben. Unsere malawische Stütze Geoffry wurde als sehr effektiver Buschtelegraf eingesetzt und am nächsten Morgen bot sich das gewohnte Bild vieler wartender Patienten. Wer sich da bereichern wollte, konnte nie wirklich geklärt werden.

Wir sichteten insgesamt knapp 80 Patienten wovon wir 43 auf den Op-Plan setzten. Weitere 15 kamen auf die Warteliste. Einigen Patienten konnten leider nicht geholfen werden, da sie Erkrankungen hatten, die wir nicht behandeln konnten, sehr klein oder sehr schwanger waren. Wir hatten im Herbst eine Zusammenarbeit mit Dr. Leonard Banza, einem malawischen Arzt, der in Lilongwe arbeitet und häufiger in die ländlichen Regionen fährt, begonnen. Er schickte uns eine Liste mit 13 Kindern unter 10 Jahren, die nach Feuer, heißem Wasser oder anderen Flüssigkeiten, schreckliche Narbenkontrakturen an den Gliedern davongetragen hatten. Leider tauchten nur 10 von ihnen auf, die andren drei waren nicht gekommen, weil sie dachten, sie hätten zahlen müssen und sich somit wieder auf den Heimweg gemacht hatten. Wir haben so vor Wut gekocht, dass, wenn derjenige, der die Op-Gebühr unauthorisiert entschieden hatte, um die Ecke gekommen wäre, sich vermutlich eine Brandwunde von den bösen hitzigen Blicken unsererseits eingefangen hätte.

Unsere Anästhesisten hatten geplant, die Narkosen Malawi-Style zu machen, das heißt mit Propofol, Ketanest und Halothan. Das ging so lange gut, bis das Halothan alle war und wir in der gesamten Region Dezda kein neues bekommen konnten. Ein paar Operationen mussten dann zähneknirschend in Lokalanästhsie gemacht werden und zwei weitere in Spinale. Sister Dr. Eva, eine malawische Nonne, die auch die medizinische Leitung inne hat,  konnte auf abstrusen Wegen eine Flasche Halothan auftreiben, die ich dann in einer Ecke eines Parkplatzes in Lilongwe (3,5 Std. Autofahrt) aus dem Kofferraum eines schwarzen Mazdas mit getönten Fensterscheiben teuer bezahlte. Das Geld wurde entgegen genommen von einem Typen mit einer Goldkette um den Hals, mit der man das Kreuzfahrtschiff Queen Elisabeth hätte ankern können. Sister Dr. Eva hatte mir den Preis gesagt, den ich zahlen sollte, ich war jedoch nicht erstaunt, als er einen deutlich höheren verlangte. Nach dem Hinweis, dass ich von Sister Dr. Eva einen deutlich niedrigeren Preis genannt bekommen hatte, brach er in ein sonniges Lächeln aus und sagte „Aaah –  Sister-discount!“ Solche Geschichten schreibt nur das wahre Leben…

Insgesamt konnten wir 41 Patienten operieren, davon 22 in Vollnarkose und 19 in Lokalanästhesie. Wir haben 10 Kinder mit schweren Narbenkontrakturen operiert, wovon 6 für Oktober erneut einbestellt worden sind, weil weitere Operationen folgen müssen. Bei 12 Patienten wurden Hautdefektdeckungen mit Hauttransplantationen durchgeführt, 15 Patienten wurden wegen Gesichtstumoren (Dermoidzysten, Atherome, Neurofibrome, Lipome) operiert und 19 weitere Patienten wurden wegen Weichteilveränderungen an der Hand, an den Extremitäten oder am Rumpf, behandelt.

Große Beliebtheit erfreute sich unsere „Weichteil-Tumor-Schule“ bzw. „soft tissue school“ , bei der Dr. Eva (Allgemeinmedizinerin) und 5 clinical officers lernten, unterschiedliche Weichteiltumore zu diagnostizieren und danach „hands on“ unter Anleitung auch zu operierten. Sara und Alexa und Gie konnten den jungen Kollegen auch die „Fortlaufende Naht“ mit resorbierbarem Material zeigen, wodurch die Patienten nicht mehr zum Fädenziehen kommen müssen und das Geld für die erneute Fahrt zum Krankenhaus sparen können.

Wie immer sind ein paar Patienten dabei, die sich besonders ins Gedächtnis einprägen. Zum Beispiel die 60-jährige Frau, der wir ein 3 kg schweres Lipom vom Rücken entfernten und die dann strahlend verkündete, dass sie wir ihr nicht sagen bräuchten, dass alles gut gegangen sei, denn sie könne nun erstmals seit 30 Jahren wieder auf dem Rücken liegen. Oder das 9-jährige Mädchen, die nach einem Feuer vor 4 Jahren eine schwere submentale Kontraktur mit ausgeprägtem Zug an der Unterlippe entwickelt hatte und nach der Operation endlich wieder den Mund schließen konnte. Die Mutter erzählte freudig, die Kleine könne jetzt wieder trinken, ohne dass das Wasser aus dem Mund läuft.

Es ist ein Geschenk, dass wir denen helfen können, die wirklich Hilfe benötigen. Es gibt zwar immer wieder Momente, bei denen ich nicht weiß, wo ich die Kraft hernehmen soll, gegen unverständliche Regeln, Zollbestimmungen, Lizensierungen, Bürokratie und die grenzenlose Arroganz mancher Behörden zu kämpfen, aber an dieser Stelle erinnere ich immer wieder an dem Spruch meines Vaters: Für das Gesamtbild ist unsere Arbeit ein Teelöffel im Ozean, für den Einzelnen ist es das ganze Meer.

Der Einsatz hätte nie stattfinden können ohne die Spender von Interplast. Danke Liebe Frau Völpel und Dr. Borsche, dass wir daran teilhaben dürfen. Danke auch an die Klindwort-Apotheke in Bad Schwartau mit Frau Schubert und Frau Lehmann, die Medikamente für uns sammeln, und ein großes Dankeschön an unsere Familien und Freunde, die uns immer wieder unterstützen. Ein ganz besonderer Dank geht an Frau Vera Klischan, die uns tatkräftig im Aufwachraum unterstützt und uns mit ihrem herrlichen Humor bei Laune gehalten hat. Wir zusammen haben die Welt ein kleines bisschen besser machen können.

Das Team: Dr. Bertil Andersson, Cäcilie Jansson, Sara Lindahl, Alexa Meyer Vandehult, Dr. Henrik Sundemann, Dr. Gie Vandehult

Für das Team ArtClinic: Dr. Gie Vandehult